Das Beerfurther Schlösschen gehört zu den Burganlagen im Odenwald, von denen über Gründung und Erbauung keine schriftlichen Unterlagen vorliegen. Deshalb sind wir bei der Beantwortung der drei  Fragen: Was? - Wann? - Wer auf Vermutungen angewiesen.

Das Beerfurther Schlösschen war keine römische Anlage, sondern eine mittelalterliche befestigte Wohnanlage.

Die Erbauung muss in der Zeit vor dem besitzmäßigen Fußfassen der Schenken von Erbach auf dem Reichenberg um 1200 bis 1220 stattgefunden haben, das hieße hochstaufige Epoche. Das Beerfurther Schlösschen muss als Vorgänger der Burg Reichenberg gelten. Nach dem Bau auf dem Reichenberg hatte das "uralte herrschaftliche Schloss", wie man es später nannte, ausgedient. Das Beerfurther Schlösschen gilt somit als der erste Eckpfeiler der Erbacher im  Westen ihres Herrschaftsbereiches. Von hier aus konnte man das obere Gersprenztal und die alte Straße von der Bergstraße ins Mümlingtal übersehen und beherrschen.

Mit Urkunden belegt ist der seit über zweihundert Jahre währende Steinraub an der ursprünglich wohl gar nicht so kleinen Anlage. Überliefert ist, dass sich hier außerordentlich schön behauenes Steinmaterial als besonderer Anreiz für den Steinraub finden ließ. Das spricht auch für eine frühere Erbauung der Anlage - aber auch für einen frühen Verfall. Der eigentliche Steinraub hat aber erst verhältnismäßig spät - etwa Mitte des 18. Jahrhunderts - eingesetzt. Darüber gibt es heute gesicherte Erkenntnisse. Prof. Dr. Anthes, ein Pfarrsohn aus Brensbach und Vorsitzender des historischen Vereins in Darmstadt, hat 1887 an dieser Stelle Grabungen vornehmen lassen und vorher zahlreiche Informationen gesammelt. Zu dieser Zeit waren bereits nur noch Überreste der Zwingermauer erhalten.

Aus Urkunden ersichtlich ist, dass Mitte des 18. Jahrhunderts noch ansehnliche Teile der Burg vorhanden waren. So berichtet der Zentschultheiß Heiß von Reichelsheim im Jahre 1740, die Beerfurther seien mit ihrem Schulmeister auf das "alte herrschaftliche Schloss" gekommen, um dort für den Bau eines Schulhauses Steine zu holen.
Mittlerweile war die Tatsache, dass hier gegraben wurde, auch nach Schönberg gedrungen. Regierungsrat von Pistorius schrieb deshalb dem Amtmann Wittich auf dem Reichenberg, man habe Anzeige erhalten, dass in den Ruinen gegraben werde. Dieser erlässt daraufhin den Befehl an die Beerfurther, sofort das Graben und Holzfällen an der Burg einzustellen.
Trotz des Verbotes gruben die Beerfurther ruhig weiter. Bei vorgenommenem Augenschein durch den Reichelsheimer Zentschultheißen stellte sich heraus, dass schon ein "grausames Holz niedergehauen" worden war. Während sich nun die Erbacher Herrschaft bemühte sowohl dem Steinraube als dem Holzfällen Einhalt zu gebieten, stellte sich die Löwenstein-Wertheim Herrschaft auf einen ganz anderen Standpunkt. Sie ließ durch ihren Breuberger Amtmann mitteilen: "Weilen die Kirch-Beerfurther so heilsame Gedanken ein Schulhaus zu bauen hegeten, so solle man ihnen nicht nur die Steine zu gedachtem Ende lassen, sondern auch das am Ort stehende Holz zu ihrem Brande verabfolgen lassen.
Wittich berichtete darüber in der Erbacher Kanzlei und bemerkte, dass die Beerfurther "schon viel mehr Steine herausgeschafft, als zu ihrem angeblich zu erbauenden Schulhaus vonnöthen."
Nun verlautete viele Jahre nichts mehr von dieser Angelegenheit. Währenddessen scheint der Abbau an der Burg ungehindert weiter vor sich gegangen sein. Am 21. Juli 1748 ergeht nach Reichelsheim die Anzeige, dass die Gemeinde Kirch-Beerfurth ie ausgebrochenen Steine nach Fränkisch-Crumbach, zu 30 Kreuzer den Wagen, verkaufe. Man Schätze die Menge der Steine auf 30 - 40 Wagen voll. Auf Vorhalten geben die Beerfurther wieder ihren Schulhausneubau als Grund für den Steinraub an, es sei ihnen übrigens mündlich erlaubt worden.
1748 wird von Erbach nun doch der Verkauf von Steinen nach auswärts verboten, weil man diese zum Brunnenbau am Reichenberg (Ratzenbrunneb) benötige. Damit hat die Zerstörung der Burganlage nicht die alles gleichmachende Zeit geschafft, sondern die pietätlose Hand der Menschen, die den Untergang der Denkmäler aus der Vorzeit beschleunigt.
Diese radikale Ausbeutung der Ruine bewirkte, dass es heute kaum möglich ist sich eine auch nur einigermaßen klare Vorstellung vom einstigen Aussehen der Anlage zu machen.
Eine Beschreibung der Burganlage vor 250 Jahren ergab: Vom Zwinger aus sind nur noch ganz geringe Reste zu erkennen. Die Zwingermauern sind von außen abgebrochen. Die Stärke der Mauern betrug, dort wo sie noch feststellbar ware, fast zwei Meter. Bemerkt sei noch, dass die Steine durch außerordentlich festen Mörtel miteinander verbunden waren. Auf dem Gipfel des Berges erhob sich der Hauptbau, ein Gebäude, das sowohl zu Befestigungs- wie Wohnzwecken gedient hat. Die überaus sorgfältige Bearbeitung der Steine deutet auf eine längere Bauzeit hin.
Anthes schließt seinen Grabungsbericht von 1887 mit der Feststellung, dass es wenig lohnend ist weiter zu graben und dass die Untersuchungen nicht das ergeben haben, was er sich davon erhoffte. Betrübend ist es, dass wir nicht mehr in der Lage sind, mehr über diese Anlage herauszufinden.

Übriggeblieben sind ein Mauerrest und die Sagen, die sich um diese historische Stätte ranken.

 

Quelle: Ernst Hieronymus, 04.05.2006